Sarah Zielmann bietet im FS 2012 das Seminar Mikropolitik – Machtspiele in Organisationen im Studiengang Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an. Wir haben dazu ein kleines Interview mit ihr!
Sarah Zielmann, Machtspiele in Organisationen – was kann man denn darunter verstehen?
Organisationen sind ein Geflecht von verschiedenen Mitarbeitern, die – übergeordnetes Ziel hin oder her – recht heterogene Interessen verfolgen. Jeder ist darum bemüht, die eigene Einflusssphäre zu sichern. Die Beziehungsgefüge in Organisationen erhalten so betrachtet „politischen Charakter“: die Organisationsmitglieder nutzen Handlungsspielräume, um andere für ihre eigenen Vorstellungen zu instrumentalisieren. Dieses Verhalten bezieht sich übrigens nicht ausschliesslich auf negativ-manipulierendes Handeln! Es kann ebenso Eigeninitiative im Dienst der Sache sein oder eigenverantwortliches Supra-Rollenverhalten. Wichtig ist zudem zu berücksichtigen, dass jedes Organisationsmitglied über spezifische Machtressourcen verfügt. Es setzt sich also nie einer gegen alle durch, sondern Entscheidungen werden ausgehandelt – wobei etwa Intransparenz, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche diese “Machtspiele” befördern. Diese wiederum lassen sich mit Hilfe so genannter „mikropolitischer Konzepte“ erfassen. Das ist u.a. auch spannend, da sich (informale) Machtzentren aufdecken lassen. Diese können durchaus entgegengesetzt zu den funktionalen Anforderungen liegen. Ergebnis sind oftmals Notlösungen, Kompromisse oder stillschweigende Übereinkünfte oder ganz simpel etwas anderes als das, was der Organisation an sich dienlicher wäre.
Können Sie ein typisches Beispiel machen?
In einem Spital lässt sich das Problem der Inselkommunikation beobachten. Damit ist gemeint, dass die Ärzte andere Interessen verfolgen als die Mitarbeiter des Pflegedienstes, also die Krankenschwestern und Pfleger sowie die Mitarbeiter der Verwaltung. Nun verfolgt die Spitalleitung u.a. das Ziel, möglichst effizient zu sein. Das heisst, Patienten sollen kostengünstig, aber schneller als anderswo “gesund gemacht” werden. Stellen wir uns vor, die Verwaltung beschliesst deshalb, andere Kanülen als bisher zu kaufen, weil sich damit pro Stück 5 Rappen sparen lassen. Was die Verwaltung nicht weiss ist, dass davon meist zwei verbraucht werden, weil sich damit schlechter stechen lässt und es dann erst im zweiten Anlauf klappt. Den Ärzten ist das aber egal, sie machen sogar eine Art Wettbewerb, wer es wie oft mit nur einer schafft. Die Krankenschwestern und Pfleger haben nun häufiger entzündete Einstichstellen zu versorgen – und schieben das insbesondere auf zwei neu eingestellte Ärzte zurück, vor denen sie deshalb weniger Respekt haben, so dass die Zusammenarbeit in gemeinsamen Schichten schwierig ist. Ein Pfleger erkennt das Problem und meldet es bei der Verwaltung. Er wartet damit aber bis zu dem Tag, an dem jeder offiziell Verbesserungsmassnahmen benennen kann, wobei für die beste Idee ein Preis winkt. Alle schweigen gegenüber der Spitalleitung, dass es vor dem Ausweichen auf die schlechtere Kanüle mal besser und billiger ging, denn die Spitalleitung wird von keiner Seite besonders geschätzt. Ein externer Berater, der helfen soll Kosten zu sparen, wird temporär angestellt. Der Berater hat ein zweites Standbein mit dem Geschäft von Kanülen
Aus welcher organisationswissenschaftlichen Perspektive kann man sich dem Thema Mikropoltik annähern?
Der Begriff Mikropolitik wurde erstmals vor rund 50 Jahren von Tom Burns (im Jahre 1961) verwendet und bezieht sich auf das Gefüge von Handlung und Struktur. Ziel ist es nicht, den internen „Kleinkrieg“ als solchen zu ergründen, sondern es wird der Zusammenhang von organisationalem Handeln und Organisationsstrukturen untersucht: wie gelingt es den Organisationsmitgliedern, unter den organisationalen Bedingungen Macht aufzubauen und Einfluss auszuüben? Es lassen sich eine Reihe von unterschiedlichen mikropolitischen Ansätzen – aus der Managementlehre, der Ökonomie und der Soziologie – unterscheiden, die jeweils spezifische Erkenntnisinteressen verfolgen. Gemeinsam ist ihnen eine Abgrenzung vom „Rationalitätsmodell“, das heisst, es wird nicht davon ausgegangen, dass Verhaltensweisen in Organisationen einer einheitlichen Zielverfolgung dienen. Vielmehr geht es um den Einsatz von Macht zur Durchsetzung bestimmter Interessen. Die Konzepte lassen sich hingegen danach unterscheiden, wie das Verhältnis von Handlung und Struktur erfasst wird: während die einen Vertreter davon ausgehen, dass das Handeln dominiert, sind die anderen der Ansicht, es dominiere die Struktur und schliesslich gibt es auch die Perspektive, dass Handeln und Struktur als wechselseitig wirksam betrachtet werden.
Was können die TeilnehmerInnen in Ihrem Seminar lernen?
Es erfolgt eine eingehende Erörterung an Grundlagenwissen, und zwar sowohl in Bezug auf Begrifflichkeiten und Konzepte als auch hinsichtlich methodischer Zugänge zur Erfassung mikropolitischer Strategien. Das hilft zunächst, auf der abstrakten Ebene Machtspiele in Organisationen greifbar zu machen. In Gruppenarbeit leiten die Studierenden dann weiterführende Forschungsfragen ab, die im Rahmen der Lehrveranstaltung bearbeitet werden. Die Ergebnisse werden im Plenum präsentiert, diskutiert und gemeinsam eingeordnet. In der Gesamtsicht profitieren die Studierenden sowohl von dem theoretischen Rüstzeug als auch der Befähigung, selbst mikropolitische Prozesse zu beoachten.
Und was wünschen Sie sich von den TeilnehmerInnen?
Es würde mich freuen, auch TeilnehmerInnen mit echtem Interesse am Thema im Seminar zu haben. Darüber hinaus ist es besonders fruchtbar, wenn sie gern lesen, mitdenken und mitarbeiten – und auch Widerspruch wagen. Gerade eine Blockveranstaltung lebt von der Mitarbeit aller. Inhalt und Struktur stehen und ich bin gespannt auf die Handlungen im Seminar!
Vielen Dank für das Interview, Sarah Zielmann, und viel Erfolg und Freude bei der Lehrveranstaltung der Unilu!
Direkt zur Lehrveranstaltung: Mikropolitik in Organisationen: Code FS121405 im Uniportal